Stiftung Eberhard & Barbara Linke

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Skulptur geht auf große Reise nach Chile

EBERHARD LINKE

Gedanken zu 'Landschaft mit totem Sänger' - Epitaph für Viktor Jara

Geboren wurde ich in dem Teil Deutschlands, der 1945 polnisch wurde. Als jemand, der in seiner Kindheit die letzten Kriegsmonate und damit die Schrecken des Krieges bewusst erlebt hat, wurde ich früh sensibel für die Gewalt, die Menschen einander antun. Dies umso mehr, seit ich 1964 in einer Ausstellung zum 'Gelben Stern' die ungeheuerlichen Verbrechen der Nazis kennengelernt habe. Diese Ausstellung war damals in der Technischen Universität Stuttgart von der Studentenschaft veranstaltet wurden, und seither hat mich die Thematik 'Leiden unter Gewalt' nicht mehr losgelassen.

Bis dahin war mein bildhauerisches Thema die Durchdringung von Figur und Landschaft. Ein Beispiel dafür ist eine Gestalt*, in der Rumpf und Kopf miteinander verschmelzen. Das einzige, das auf den Menschen hinweist, sind seine schreitenden Beine, ein Zeichen für die geistlose Masse, die die pflanzenähnlichen Formen vor sich zertritt. Ein junger Kunsthistoriker brachte mich auf den Titel 'Golem I' *, eine jüdisch mythische Gestalt, die fremdbestimmt gewalttätig wird. Zu der Zeit tobte der Vietnamkrieg, und mir erschienen die zertretenen Pflanzen zu harmlos. So entstand die realistische Fassung des 'Golem II' *, einer zwiespältigen Gestalt, die über Leichen geht. Im selben Jahr machte ich anlässlich der Judenermordung und unter dem Eindruck amerikanischer Verbrechen im Vietnamkrieg das Modell einer kleinen Erschießungsszene*, das ich 1976* wieder aufnahm und 1977* als lebensgroße Gruppe aufbaute. Es gab in der Weltpolitik viele Anlässe, sich mit Gewalt und Tyrannei auseinanderzusetzen. So war 'Strandleben zwischen Mauern'* eine Reaktion auf das Obristen-Regime in Griechenland, wohin deutsche Touristen zu ihrem Strandurlaub fuhren, während hinter Gefängnismauern gefoltert wurde.

Als ich in der Villa Massimo in Rom war, hörte ich von der heimtückischen Ermordung des Bischofs Romero durch die Todesschwadronen in San Salvador, weil er sich für soziale Gerechtigkeit eingesetzt hatte. Das brachte mich auf die Skulptur 'Der Verstummte'*, eine Gestalt, die ummauert ist und mit Händen nicht mehr erreicht werden kann. Auch später gab es Anlässe die ich bildhauerisch verarbeiten musste: Das Verbrechen von Srebrenica in 'Schatten der toten Stadt'* oder die Entwürfe zum Mahnmal des Holocaust*. Reaktionen auf politische Ereignisse, die sich wie zder . B. in die 'Liquidierung' oder 'Strandleben zwischen Mauern' in Skulpturen niederschlagen, setze ich selten sofort und spontan in die Tat um, sondern sie lagern sich in meinem Gedächtnis ab und treten immer wieder an die Oberfläche, bis sich eine formale Idee einstellt, die mir die Realisierung möglich macht. So war es auch mit dem wieder gefundenen Thema Landschaft und Figur, das mich darauf brachte, in der blockhaften 'Landschaft mit totem Sänger'* eine Art Epitaph für Victor Jara zu bauen.

Der chilenische Sänger war beim Putsch gegen Allende 1973 im Stadion von Santiago bestialisch umgebracht worden, nachdem man ihm seine Händegebrochen hatte, damit er auf seiner Gitarre nicht mehr spielen und seine Freiheitslieder nicht mehr singen konnte. Er ist mit der Gitarre und seinen zerstörten Händen wie in Erdschichten eingelagert, und hoch darüber - wie in der Entfernung der zeitlichen Perspektive von fünf bereits vergangenen Jahren - fährt ein winziges Schiff über die See. Tief verborgen bleibt er dennoch durch seine Lieder gegenwärtig.

Was ich damals als geradezu zynisch empfand, war, dass der rechte Politiker Franz Joseph Strauß nach Chile fuhr und dann zu Hause verkündete, Pinochet gestalte den Übergang zur Demokratie - es sei alles in Ordnung. Und die Staatsuniversität verlieh ihm den Doktor ehrenhalber während im Volk das Morden begann.

Dass ich nun mit der Skulptur für Victor Jara zu seiner Erinnerung und Würdigung in der Victor Jara Stiftung in Chile beitragen kann, ist für mich Freude und Genugtuung.

Abbildungen Katalog Band I

*Golem I, 1969, S.14
*Golem II, 1971 S. 15
*Liquidierung, Modell 1971 S.17
*Liquidierung, Zwischengröße 1976 S.38
*Liquidierung, lebensgroß 1977 S. 41
*Strandleben zwischen Mauern 1977 S.43
*Der Verstummte 1980/81 S.62
*Schatten der toten Stadt 1995 S. 120
*Entwürfe zum Holocaust 1994/96, 2002/03 S.116/117, S.142/143
*Landschaft mit totem Sänger 1978 S. 44

 

 

Foto: Axel Schmitz

 

 

 

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Die Stiftung soll das Lebenswerk des Bildhauers Eberhard Linke erhalten und pflegen, seine Werke der Öffentlichkeit zugänglich machen, wissenschaftlich erschließen und in die Kunstgeschichte einordnen.
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Max Slevogt Medallie für Prof. Eberhard Linke